Chamber of Commerce of Bolzano

Dorothea Mahlknecht

Dorothea Mahlknecht

Die Berge als Ausgleich

Wie die Völlaner Hotelierin Dorothea Mahlknecht ausgerechnet in einer tiefen Lebenskrise eine Passion für Gipfelstürme entwickelte. Im Interview spricht sie über die Erfahrungen ihres persönlichen Tiefpunktes, über den Mut weiter zu machen und über ihren Kampf gegen den Krebs.

Sie waren noch keine 30 als Sie mit Ihrem Mann das Hotel „Waldhof“ in Völlan übernommen haben. Würden Sie sich so jung noch einmal in ein solches Abenteuer stürzen?

Ich weiß es nicht. Wir waren damals sicher zu jung. Ich war 24, mein Mann 26, als uns sein Onkel das Hotel übergeben hat. Ein Hotel mit 48 Betten, das von Pächtern über Jahre sehr professionell geführt wurde. Entsprechend war unser Einstieg nicht gerade leicht. Wir waren zwar Absolventen der Hotelfachschule, uns fehlte aber die Erfahrung. Wir waren unsicher und das haben die Gäste gemerkt. Viele Stammgäste sind in dieser Zeit weggeblieben und sind erst Jahre später wieder zurückgekehrt. Hätten wir damals nicht so tolle Mitarbeiter/innen gehabt, hätten wir es wohl nicht geschafft.

Ihr Hotel steht heute sehr solide da und hat eine sehr gute Auslastung. Wie ist es Ihnen gelungen die Gäste zu begeistern?

Die ersten Jahre wollte es uns leider nicht gelingen neue Gästeschichten anzusprechen, auch weil wir im landwirtschaftlichen Grün nicht erweitern durften. Erst vor acht Jahren konnten wir zum bestehenden Haupthaus einen modernen Hoteltrakt dazu bauen. Damit konnten wir die Zimmeranzahl so gut wie verdoppeln und auch eine neue Klientel ansprechen. Dass wir heute gut dastehen hat aber sicher auch mit unserem persönlichen Einsatz zu tun. Seit knapp dreißig Jahren stecken wir all unsere Energie in das Hotel. Lange Zeit gab es nichts außer Arbeit. Und das von Mitte März bis Ende Jänner.

Bis zur Erschöpfung vor zehn Jahren.

Ja, das kann man so sagen. Heute würde man sagen, ich stand damals kurz vor einem Burnout. Wobei ich den Begriff nicht mag. Ich würde eher sagen, ich bin über meine Grenzen gegangen, einfach weil ich mir nie Auszeiten nahm. Ich habe funktioniert, war innerlich aber leer, wie eine ausgepresste Zitrone. Ich konnte mich über nichts freuen, war apathisch, ließ mir aber nichts anmerken. Eben typisch Frau, wir wollen immer alles mit uns selbst ausmachen.

Und wie erkannten Sie, dass Sie in einer Lebenskrise stecken?

Vor zehn Jahren wurde mir einfach bewusst, dass ich in meinem Leben etwas ändern muss, weil ich nicht mehr ich selber war. Also habe ich über eine deutsche Agentur eine Reise nach Nepal gebucht. Fragen Sie mich nicht, wie ich darauf gekommen bin.

Waren Sie immer schon sportlich?

Sportlich? Nein, das bin ich noch heute nicht. Ich war zwar eine leidenschaftliche Wanderin, aber das hatte nie etwas mit Sport zu tun. Aber irgendetwas hat mich bewogen diesen Schritt zu wagen. Vielleicht war es eine Verzweiflungstat.

Wie kam es, dass aus einer Verzweiflungstat eine Passion wurde?

Durch das Gehen habe ich wieder zu mir gefunden. Die Berge haben mich gerettet. Die erste Nepalreise hat mich völlig verändert. Meine Familie und auch meine Mitarbeiter/innen haben das sofort bemerkt, sie konnten meinen Wandel aber nicht wirklich deuten. Seither fahre ich fast jedes Jahr im November für drei Wochen nach Nepal. Auch wenn mir kaum Zeit fürs Training bleibt.

Vor zwei Jahren ist Ihr Buch „Über den Berg ... mein Weg zum Glück“ erschienen. Was hat Sie dazu bewogen ein Buch zu schreiben?

Ich habe einfach immer schon gerne geschrieben. Auf meinen Reisen nach Nepal habe ich mehrere 6.000er bestiegen. Über jede Gipfelbesteigung habe ich Reisetagebuch geführt, Bekannte haben mich dazu ermutigt ein Buch daraus zu machen. Aber ich hatte weder die Zeit noch den Mut dazu. So lagen die Tagebücher über Jahre zu Hause rum, bis ich 2011 an Brustkrebs erkrankte.

Eine harte Diagnose.

Ja, aber die Krankheit hat mir noch einmal aufgezeigt, wie wichtig die Berge für mich sind. Deshalb habe ich auch das Buch weiter geschrieben. Jeder Gipfel war wie ein Sieg über den Krebs. Das Bergsteigen war mein Weg mit der Krankheit umzugehen. Ich bin während der Chemotherapie sogar auf den Ortler und nur einen Monat nach der letzten Chemo bin ich wieder nach Nepal aufgebrochen.

Woher nahmen Sie denn die Energie dafür?

Körperlich war ich natürlich angeschlagen, aber ich hatte stets einen guten Motivator an meiner Seite. Der Belgier Luc, der seit rund 25 Jahren in Südtirol lebt und  mittlerweile in unserem Hotel als Masseur arbeitet, hat mich bereits vor der Diagnose Brustkrebs auf meinen Touren nach Nepal begleitet. Er war es auch, der mich während der Krankheit in meinem Drang auf Berge zu steigen unterstützt hat, auch wenn ich schwach war und nur langsam vorwärts kam.

Haben Sie während der Krankheit weiterhin im Hotel gearbeitet?

Ja, ich haben nur zwei Wochen pausiert. Am Vormittag war ich für die Chemo im Krankenhaus, am Nachmittag im Büro und abends war ich im Hotel im Service. Ich brauchte den Kontakt zu den Gästen.

Wie geht es Ihnen heute?

Sehr gut. Ich muss aber auch sagen, dass ich großes Glück hatte. Bis auf leichte Schlafstörungen hatte ich während der Chemotherapie keine körperlichen Beschwerden. Seelisch war ich natürlich angeschlagen, vor allem da ich durch die Hormonblocker von einem auf den anderen Tag in die Wechseljahre katapultiert wurde.

Würden Sie sagen, dass Ihnen das Schreiben beim Verarbeiten Ihrer Lebenskrise geholfen hat?

Das Schreiben ja, aber das Erscheinen des Buches war nur möglich, weil es der Ehrenberg Verlag vorfinanziert hat und ich damit keinen Verkaufsdruck hatte. Ich hätte nicht die Zeit durch das Land zu tingeln, um mein Buch vorzustellen. Am Abend stehe ich im Speisesaal und an meinem freien Tag, den ich seit zehn Jahren sehr konsequent einhalte, gehe ich in die Berge.

Zur Person

Die 53-jährige Hotelierin Dorothea Mahlknecht ist auf dem Tannerhof in Obermais groß geworden. Ein Bauernhof, der in den 70er-Jahren zu einer Pension umgewandelt wurde. Während der Hotelfachschule in Meran lernt sie ihren späteren Ehemann Kuno kennen. Gemeinsam haben sie einen 24-jährigen Sohn und betreiben seit dem Jahre 1988 das 4-Sterne-S-Hotel „Waldhof“ in Völlan. Ein Wellnesshotel mit 84 Betten, das von einem 30.000 qm großen, hauseigenen Naturpark umgeben ist. 2014 ist Dorothea Mahlknechts Buch „Über den Berg ... mein Weg zum Glück“ erschienen. Darin spricht sie über ihre persönliche Lebenskrise, über ihre Diagnose Brustkrebs und über die Berge, die in diesen schwierigen Zeiten zu ihrem Rettungsanker wurden.

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