Chamber of Commerce of Bolzano

Christina Pupp

Christina Pupp

Im Wipptal verwurzelt wie ihre Bank

Unternehmerisches Denken entsteht auch am Mittagstisch: Christina Pupp ist Tochter eines Schmiedes und einer Schneiderin, Gespräche über Buchhaltung, Rechnungen und Aufträge haben manches Essen daheim in Wiesen begleitet. Seit dem Jahr 2000 ist sie Direktorin der Raiffeisenkasse Wipptal mit Sitz in Sterzing und Geschäftsstellen in Wiesen und Gossensaß. Von den 47 Südtiroler Raiffeisenkassen werden nur drei von einer Frau geleitet, sie war die zweite. Die Betriebswirtin ist für 58 Mitarbeiter verantwortlich, knapp 40 Prozent davon sind Frauen, von diesen arbeiten mehr als die Hälfte in Teilzeit. Zum Jahresende 2014 betrug das Kundengeschäftsvolumen ihrer Bank 581 Millionen Euro.

Wurden Ihnen als Frau Prügel in den Weg gelegt?

Ich wurde als Frau nie anders behandelt als meine männlichen Kollegen, bin zwar noch immer eine Exotin, denn nur die Raiffeisenkasse Mölten und die Raiffeisenkasse Schlern-Rosengarten werden neben unserer Raffeisenkasse von einer Frau geführt. Ich wurde deshalb aber nie negativ angeredet, die männlichen Kollegen haben mir stets Respekt gezollt. Im Gegenteil: Manche rufen mich an, fragen um Rat, wollen die Sicht einer Frau hören.

Sind Sie eine Karrierefrau?

Ich habe meine Karriere nie geplant. Der Verwaltungsrat hat Mut gezeigt, als er mir vor 15 Jahren die Geschäftsführung angeboten hat: Immerhin hatte ich ein kleines Kind und der Sitz der Raiffeisenkasse in Sterzing befand sich gerade im Umbau. Der Verwaltungsrat hat die Bedingung, dass meine Tochter Vorrang hat, akzeptiert. Man kannte mich und meinen Arbeitsstil: Ich habe davor fast 16 Jahre lang in den verschiedensten Bereichen der Bank Erfahrungen gesammelt. Auch mein Vorgänger Klaus Gogl hat mich stets unterstützt; leider ist er zu früh gestorben. Im November 2000 bin ich dann ins kalte Wasser gesprungen und habe schnell schwimmen gelernt.

Woher haben Sie die wirtschaftliche Ader?

Mein Vater war Unternehmer, ein Schmied, und eine Zeit lang Bürgermeister der Gemeinde Pfitsch. Meine Mutter arbeitete als Schneiderin. Mein Bruder führt den Betrieb unseres Vaters weiter, auch in der Verwandtschaft gibt es einige Unternehmer. Von meinem Großvater habe ich gelernt, dass man aus dem Nichts etwas schaffen kann: Er wurde 1905 als uneheliches Kind geboren und hat durch viel Arbeit eine alte Schmiede in Wiesen erworben. Bei uns am Tisch wurde oft über die Herausforderungen im Betrieb gesprochen; schon früh habe ich mich mit der Buchhaltung des elterlichen Betriebes vertraut gemacht.

Wie leiten Sie die Bank?

Ich gehe strukturiert vor, arbeite mit Disziplin und Konsequenz. Nicht ich als Chefin bin im Mittelpunkt, das Wir steht vor dem Ich. Mit meinen Mitarbeiter/innen pflege ich einen fairen Umgang. Ich bin klar und entschieden, kann aber auch diplomatisch sein. Wenn ich sehe, dass wir einen falschen Weg eingeschlagen haben, bin ich selbstkritisch genug, um Fehler einzugestehen und nach neuen Wegen zu suchen. Damit tun sich Frauen vermutlich leichter als Männer: Die machen manchmal lieber einen Umweg.

Sind Sie so erzogen worden?

Meine Eltern haben mir Respekt beigebracht, aber auch Bescheidenheit. „Mit dem Hut in der Hand kommt man durchs ganze Land“, hat mein Großvater öfters gemeint. Hochnäsig zu sein bringt dich nicht weiter, hat mir das gesagt. Früh habe ich gelernt, dass es in einem Betrieb Verantwortungsbewusstsein braucht, Zeit zum Nachdenken und Abwägen. Niemand ist unfehlbar.

Haben Sie einen Leitsatz?

Ich habe mir die Aussage von Immanuel Kant: „Ich kann, weil ich will, was ich muss“ zum Motto gemacht. Das hilft mir immer wieder.

Unterscheiden Sie bei Neuaufnahmen im Betrieb zwischen Mann und Frau?

Nein, da mache ich keinen Unterschied. Für mich zählen Qualifikation und Einsatz. Aber ich nehme meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ernst. Wenn eine Frau nach der Mutterschaft in Teilzeit zurückkehren möchte, unterstütze ich diese Entscheidung. Ich würde keiner Frau raten, auf ein Kind zu verzichten, nur weil sie eine Führungsposition anstrebt: Kind und Karriere sind vereinbar und möglich. Frauen bringen nicht 100, sondern 110 Prozent, wenn sie aus der Mutterschaft zurückkommen.

Was fordert Sie im Betrieb am meisten?

Die Mitarbeiterführung: Beim Umgang mit Menschen ist man immer gefordert. Oder wenn ich beispielsweise Kredite kündigen muss, verfolgt mich das manchmal bis nach Hause. Manche Entscheidungen muss man einsam treffen.

Was würden Sie Frauen raten?

Frauen sollten sich mehr zutrauen, auch im technischen Bereich. Wenn ich an eine Herausforderung herangehe mit dem Gedanken, dass eine Frau es von vornherein schwieriger hat, dann wird es auch schwieriger. Wenn ich authentisch bin und „Frau“ bleibe, habe ich keine Schwierigkeiten. Es braucht Mut, Herz und Verstand. Nur halbherzig schafft es niemand, auch kein Mann. Ich muss nicht von vornherein alles 100-prozentig durchchecken. Wenn ich ganz hinter einer Sache oder einem Projekt stehe, geht es. Das ist auch der Fall, wenn eine Frau entscheidet, Hausfrau und Mutter zu sein. Egal was, Hauptsache, ich bin überzeugt davon. Bei finanziellen Entscheidungen sollten sich Frauen mehr einbringen. Auch der Haushalt ist ein kleines Unternehmen.

Was sagen Sie Frauen, die sich selbständig machen möchten?

Seien Sie überzeugt von dem, was Sie tun. Passen Sie bei Beratern und Einflüsterern auf, trauen Sie Ihrem Bauchgefühl. In uns Frauen ist ein unternehmerisches Gen, denken wir nur an die Trümmerfrauen in Deutschland oder an die Frauen, die ihre Höfe gemanagt haben, während ihre Männer im Krieg waren. Trauen Sie Ihrer inneren Stimme, haben Sie keine Angst. Der Weg geht nicht immer gerade aus. Lassen Sie sich von Rückschlägen nicht entmutigen, bleiben Sie nicht liegen, stehen Sie auf.

Und was haben Sie Ihrer fast volljährigen Tochter ans Herz gelegt?

Mach den Job, der dich interessiert, dann geht es dir leicht von der Hand. Wenn dir eine Arbeit auf Dauer nicht gefällt, macht es dich krank. Mein Volksschullehrer hat in diesem Zusammenhang immer von den 3 H gesprochen: Hirn, Herz und Hand. Man muss bereit sein, ständig zu lernen (Hirn), das, was man tut, gerne tun (Herz) und arbeiten muss man auch (Hand).

Zur Person

  • 1961 in Wiesen geboren, einen jüngeren Bruder
  • seit 1988 verheiratet mit dem Unternehmer Christian Ossanna
  • Tochter Franziska (*1998, Oberschülerin)
  • Besuch der Handelsschule in Sterzing
  • Studium der Betriebswirtschaftslehre in Innsbruck
  • Seit Oktober 1984 Mitarbeiterin der Raiffeisenkasse Wipptal
  • seit 2000: Direktor
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