Mann mit Kind und Laptop

Vereinbarkeit

Gute Rahmenbedingungen zählen
Oktober
2026

Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist längst nicht mehr nur eine private Herausforderung einzelner Familien. Sie ist ein zentraler Standortfaktor für Südtirols Wirtschaft und wird angesichts des demografischen Wandels, des Arbeitskräftemangels und eines steigenden Betreuungsbedarfs immer wichtiger.

Familie, Beruf und Pflege unter einen Hut zu bringen, ist für viele Menschen in Südtirol Alltag. Eltern organisieren Kinderbetreuung, Schulzeiten, Sommerwochen und Arbeitszeiten; gleichzeitig wächst die Zahl jener Familien, die sich auch um ältere oder pflegebedürftige Angehörige kümmern. Die aktuelle Analyse des WIFO zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf zeigt deutlich: Das Thema betrifft nicht nur einzelne Haushalte, sondern die gesamte Gesellschaft und Wirtschaft.

Bereits die demografischen Daten machen den Handlungsbedarf sichtbar. In Südtirol lebten 2024 mehr als 116.000 Minderjährige. Gleichzeitig nimmt die Zahl älterer Menschen weiter zu. Allein die Gruppe der über 85-Jährigen umfasste bereits knapp 38.000 Personen. Damit steigt der Betreuungsbedarf: bei Kindern und bei älteren Menschen.

Besonders deutlich wird dies im Pflegebereich. Im Jahr 2020 gab es in Südtirol 17.020 pflegebedürftige Personen. Für 2035 wird ein Anstieg auf 22.739 Personen prognostiziert, ein Plus von 33,6 Prozent. Der Großteil der Pflege erfolgt dabei im familiären Umfeld. Diese Entwicklung betrifft vor allem die sogenannte „Sandwich-Generation“: Erwachsene zwischen etwa 40 und 60 Jahren, die gleichzeitig Verantwortung für Kinder und ältere Angehörige übernehmen. Gerade diese Altersgruppe steht häufig mitten im Berufsleben. Wenn Betreuungsaufgaben nicht ausreichend unterstützt werden, wirkt sich dies direkt auf Arbeitszeit, Karrierechancen und Verfügbarkeit aus. Nach wie vor lastet Care-Arbeit überwiegend auf den Frauen. In Italien sind 80 bis 90 Prozent der pflegenden Angehörigen Frauen. Auch die Teilzeitquote verdeutlicht diese ungleiche Verteilung: 47,7 Prozent der beschäftigten Frauen arbeiten in Teilzeit, bei den Männern sind es lediglich 10,5 Prozent. In Zeiten des Arbeitskräftemangels ist dies auch aus wirtschaftlicher Sicht bedeutsam. Wenn qualifizierte Arbeitskräfte ihre beruflichen Möglichkeiten nicht vollständig ausschöpfen können, geht dem Arbeitsmarkt wertvolles Potenzial verloren.

Kinderbetreuung

Ein weiterer Schlüssel zur besseren Vereinbarkeit liegt in der Kinderbetreuung. Im Schuljahr 2022/23 standen in Südtirol 23,9 Plätze in Einrichtungen der frühkindlichen Bildung pro 100 Kinder im Alter von 0 bis 2 Jahren zur Verfügung. Damit liegt Südtirol weit unter dem EU-Ziel (45 Plätze) und deutlich hinter der Provinz Trient (41,2 Plätze). Auch Schule und Ferienzeiten spielen eine wichtige Rolle. Der Anteil der Grundschülerinnen und Grundschüler in Ganztagesschulen liegt insbesondere in den deutschsprachigen Schulen auf einem äußerst niedrigen Niveau (5,8 Prozent). Zudem gibt rund ein Drittel der Eltern an, dass die bestehenden Sommerbetreuungsangebote nicht ausreichen.

Diagramm

Die Folgen sind spürbar: Nur knapp die Hälfte der berufstätigen Eltern ist der Ansicht, dass Familie und Beruf gut vereinbar sind. Für viele Familien ist die Vereinbarkeit täglich eine große organisatorische Herausforderung als eine gelebte Selbstverständlichkeit.

Umso wichtiger sind familienfreundliche Arbeitgeber. Flexible Arbeitszeiten, Homeoffice-Möglichkeiten, Teilzeitmodelle mit Entwicklungsperspektiven und Unterstützung bei Pflegeaufgaben können wesentlich dazu beitragen, Beschäftigte zu entlasten und an den Betrieb zu binden. Vereinbarkeit ist damit nicht nur Sozialpolitik, sondern auch ein wichtiger Wettbewerbsfaktor für Unternehmen.

Ein bewährtes Instrument ist das „audit familieundberuf“. Die Zertifizierung unterstützt Unternehmen und Organisationen dabei, familienfreundliche Maßnahmen systematisch zu entwickeln und dauerhaft zu verankern. Das Audit richtet sich an Südtiroler Arbeitgeber aller Branchen und stärkt gleichzeitig die Arbeitgeberattraktivität. Träger des Audits sind die Handelskammer Bozen und die Familienagentur der Autonomen Provinz Bozen.

47,7 Prozent der beschäftigten Frauen arbeiten in Teilzeit

„audit familieundberuf“

Das „audit familieundberuf“ ist ein bewährtes Managementinstrument, das Unternehmen dabei unterstützt, familienfreundliche und lebensphasenorientierte Arbeitsbedingungen systematisch weiterzuentwickeln. Ziel ist es, die Vereinbarkeit von Beruf, Familie und Privatleben der Mitarbeitenden zu verbessern und gleichzeitig die Attraktivität des Unternehmens als Arbeitgeber zu stärken. Das Audit wird in Südtirol als Gemeinschaftsprojekt der Familienagentur des Landes Südtirol und der Handelskammer Bozen betreut.

Die Vorteile:

  • Attraktiver Arbeitgeber im Wettbewerb um Fachkräfte
  • Höhere Mitarbeiterzufriedenheit und stärkere Bindung ans Unternehmen
  • Weniger Fehlzeiten und Fluktuation
  • Positives Image bei Kunden, Mitarbeitenden und der Öffentlichkeit
  • Individuelle Begleitung durch qualifizierte Auditorinnen und Auditoren
  • Zertifizierung als familienfreundlicher Arbeitgeber
  • Für wen? Für öffentliche und private Unternehmen sowie Organisationen aller Branchen ab fünf Beschäftigten.

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WIFO - Institut für Wirtschaftsforschung
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